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  • AutorenbildAndreas Dalberg

Der Ur-Grund ist Geheimnis

Philosophie, heißt es formelhaft, gründe im Staunen. Staunen über den Kosmos, die Welt, die Dinge. Aber dieses Staunen, so berechtigt es doch ist, kann leicht einen oberflächlichen Zug annehmen: Ist es allein auf die materielle Welt fixiert, neigt es dazu, dem Zauber der Weltvielfalt zu erliegen. In diesem Fall gleicht der staunende Mensch einem Kind, das mit Geschenken überhäuft wird und seine Aufmerksamkeit nicht mehr davon lösen kann – er verfällt den Dingen und wird sich nicht mehr gewahr, was darüber hinaus noch ist.

Die Weltvielfalt ist sicherlich erstaunlich. Doch darf man beim Drang, die Welt zu erleben und zu verstehen, nicht völlig in ihr aufgehen, sich nicht vollends in ihr verlieren. Stattdessen ist es für das eigene Ganzsein Bedingung, sich immer wieder von ihr loszureißen und ins Staunen zurückkehren. Irgendwann wird offenbar, dass das Verwunderliche, welches staunen lässt, nicht nur in der Vielfalt des Seienden begründet liegt. Wer die Oberfläche loslässt, vernimmt nämlich noch anderes als Verwundertsein über die Weltvielfalt. Er verspürt ein viel größeres Staunen darüber, überhaupt da zu sein, in einer Welt zu sein – die Verwunderung darüber, dass überhaupt etwas ist. Stellt sich dieses Bewusstsein ein, vertieft sich das Staunen zu Ergriffenheit und Schauder: Man ist ergriffen davon, dass es Welt, den Menschen, einen selbst gibt. Und man erschaudert, weil man berührt ist von dem, was in der Tiefe von alledem wirkt: das Geheimnis des Seins.

Hier nun, an diesem Punkt, an dem man in bewusstem Kontakt ist mit dem Geheimnis des Seins, differenzieren sich unterschiedlichste Stimmungs- und Gefühlslagen heraus: Neben Staunen und Verwunderung, Faszination und Ergriffensein, Erhabenheit und Schauder auch Angst. Eben weil der Grund allen Weltseins, der Ur-Grund, Geheimnis ist. Geheimnis, das sich niemals lüften lässt, weil es das, was es birgt, entzieht – dieser Entzug gehört zu den Grund-Bedingungen menschlichen Daseins. Als Entzug ist es das Nichts, in das der Mensch gehalten ist – das Nichts, das die Welt trägt, in die der Mensch geworfen ist.

Der Mensch mag die Beschaffenheit der Dinge und ihre Zusammenhänge erhellen, indem er Wissenschaft betreibt, vermag aber niemals, das Geheimnis des Seins als solches zu lüften, weil sich das Nichts nicht erkennen lässt. Eben deshalb, weil unser Ur-Grund ewiges Geheimnis ist, stehen wir Menschen auf unsicherem Boden, entfaltet sich unsere Welt aus etwas heraus, in etwas hinein, das unserem Verstehen unzugänglich ist. Eben deshalb kommt zu den grund-legenden Affekten des verwunderten Staunens, erhabenen Fasziniertseins und ergriffenen Schauderns auch noch Angst. Angst zeigt immer an, dass wir uns im Offenen befinden, in dem es für den Verstand keinen Halt gibt, in das der Mensch als Existenz ausgesetzt ist – ausgesetzt in sein ureigenes Freisein.

Der Ursprung der Philosophie, die sich nicht nur mit der Weltvielfalt beschäftigt, sondern auch mit dem Geheimnis des Seins, ist also unmittelbar verbunden mit Emotionalität. Daher hat eine Philosophie, die diese grund-legende Emotionalität ausklammert, ihre Wurzeln, ihren Ur-Sprung verloren. Entsprechend wundert es auch nicht, dass sich die akademische Philosophie, die sich als Wissenschaft versteht, nur mit der Vielfalt der Dinge beschäftigt und darüber das Geheimnis des Seins vergisst. Sie denkt, ohne zu empfinden. Sie denkt über die Weltvielfalt nach, ohne das Geheimnis zu spüren. Eben deshalb ist die akademische Philosophie heutiger Zeit weltverfallen und ursprungslos, so dass sie von vornherein die Grund-Situation des Menschen verfehlt, sein geheimnisvolles Sein erst gar nicht in den Blick bekommt.

Leibniz war sich des Geheimnisses bewusst. Die Frage, die direkt zum Geheimnis führt, formulierte er so: „Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ Leibniz fragt hier nach dem Seinsgrund. Die Antwort darauf ist aber nicht in der Vielfalt der Dinge zu finden, nicht in der Welt, die uns nur in ihrer Erscheinung zugänglich ist, keineswegs aber in ihrem Innersten – die Antwort, geborgen vom Geheimnis, ist uns entzogen.

Diese Leerstelle wurde lange Zeit von Religionen ausgefüllt, die sinnstiftende Antworten auf die Frage nach dem Seinsgrund gaben – ihre Antwort lautete in der Regel Gott. Doch Gott ist im Grunde eine Antwort, die nur das Herz beruhigen, nicht aber den Verstand zufriedenstellen kann. Für den Verstand ist Gott ein Wort, das mit jeglicher Bedeutung aufgeladen, mit jeglichen spirituellen Erfahrungen assoziiert werden kann, um ihre tiefe Unfassbarkeit zu chiffrieren. Gott ist also letztlich Chiffre für etwas, das wir nicht verstehen, weil es uns entzogen ist – eben für das Geheimnis des Seins.

Der Religiöse artikuliert sich in der Chiffre Gott, der Existenzphilosoph spricht von Geheimnis oder Nichts, der Mystiker von Seinsgrund, Leere oder Nichts. Gleichviel, wie man es nennt, all diese Begriffe sind letztlich nur Chiffren für das Unerklärliche.

Auch Heidegger war sich des Geheimnisses bewusst. Er formulierte die Frage nach dem Seinsgrund folgendermaßen: „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“ Natürlich konnte auch er keine Antwort geben, doch darum geht es bei dieser Art des Fragens nicht. Diese Fragen, die nicht zu beantworten sind, offenbaren vielmehr das Wesentliche, das Grund-legende: dass wir allesamt Teil eines großen Geheimnisses sind. Die Grund-Frage bringt also mit dem Geheimnis in Kontakt. Indem wir die Frage auf existenzielle Weise stellen – sie nicht nur intellektuell formulieren, sondern zugleich empfinden, also unser Verwundert- und Ergriffensein zulassen, unser Schaudern darüber spüren, dass wir in einer Welt sind, überhaupt da sind, dass Sein ist –, indem wir uns dieser Frage auf eben diese existenzielle Weise stellen, kommen wir in echten Kontakt mit dem Geheimnis des Seins, sind berührt davon – genau dies ist der Nullpunkt menschlicher Existenz.

Es kann nicht darum gehen, das Unerklärliche zu erklären – allein der Versuch wäre absurd. Sondern darum, sich des Geheimnisses gewahr zu sein. Wer sich immer wieder bewusst macht, dass Sein geheimnisvoll ist, dass er selbst Teil eines großen Mysteriums ist, der steht auf andere, auf besondere Weise in der Welt – er ist eben nicht mehr nur weltverfallen und blind für seine Grund-Situation. Stattdessen blickt er auf eine Weise ins Sein, die genau davon ausgeht. Eben dies erlaubt ein ganz anderes Dasein, genauer: eine ganz andere Seinsweise als die weltverfallene. Erlaubt eine Seinsweise, die natürlich ebensowenig erlöst wie alle anderen, die aber befreiend ist – weil sie immer wieder vorübergehend aus der Weltverfallenheit herausschält, weil sie auf neue, umfassendere Weise ins Sein blicken lässt, weil sich Wertvorstellungen verschieben und neue Lebensinhalte ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Diese Blickerweiterung erlaubt es, sich auf andere, auf neue Weise zu entwerfen. Also: Indem man nicht mehr (nur) der Faszination der Welt unterliegt, eröffnet sich Freiraum. Sofern man den Mut findet, ihn zu ergreifen, ermöglicht dieser Freiraum eine Seinsweise, die sich aufgliedern lässt in echtes Dasein, echtes Selbstsein, echtes Mitsein und echtes Ganzsein – entfaltetes Menschsein. Diese Vierpoligkeit bewirkt in ihrer Gesamtheit: existenzielles Glück.

Existenzielles Glück ist eine Form von Glück, die Erfüllung nicht nur in materiellen Gütern und gesellschaftlichem Erfolg findet, sondern stille Zufriedenheit aus Tieferem schöpft: aus dem umfassenden, unverstellten, gesteigerten Bewusstsein dessen, was ist (Bewusstheit) – man sucht sich das Wunder des Daseins in all seinen Facetten bewusst zu machen (eigentliches Dasein). Geschöpft aus dem authentischen, ergriffenen Selbstsein – man ergreift sich im Jubel des eigenen, unermesslichen Freiseins und wird zu einem eigenständigen Selbst, indem man unbedingt wählt (eigentliches Selbstsein). Geschöpft aus echter, offener Begegnung mit anderen Menschen, die das Geheimnis des Daseins in Bewusstheit mit einem teilen – diesen anderen begegnet man in Offenheit, Verletzlichkeit und Liebe, ist sich gemeinschaftlich der menschlichen Grund-Situation bewusst und verhilft einander dazu, für sich selbst, aber auch füreinander frei zu werden (eigentliches Mitsein). Geschöpft aus einer Transzendenzbeziehung, die einen im Glauben zu binden vermag – man streckt sich im Gewahrsein eigener Sterblichkeit und im grundlosen Vertrauen zu jenem Unaussprechlichen hin, das einen womöglich durch das Leben und durch die Todesstunde trägt (eigentliches Ganzsein). Existenzielles Glück, das kein leidfreies Glück ist, nimmt seinen Ausgang und seine Zuflucht im Ur-Grund, also im Geheimnis des Seins. Ihm ist der Mensch verbunden, darin ist er auch allen anderen verbunden – schlicht allem, was ist.

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