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  • AutorenbildAndreas Dalberg

Der Seinsblitz

Alles steuert der Blitz. (Heraklit)


Ich. Bin. Da. Grundakkord eigenen Seins, geheimnisvoller Ton persönlicher Existenz. Genau dies, das Dasein, ist größtes Mysterium: dunkle Rätselhaftigkeit, die ausgeblendet wird im weltverwobenen Alltag, welcher der mysteriösen Grunddimension des Seins keinen Raum lässt. Dabei ist es das eigentlich unfassbare, da zu sein, sich vorzufinden in einer Welt, um deren Grund man nicht weiß – und einst nicht mehr da, sondern genichtet zu sein. Nichtsein? Eine Vorstellung, die von Grund auf erschüttert, sofern man sie in ihrer ganzen Wucht zulässt.

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Ich. Bin. Da. Ein Blitz, der in die Seinsnacht bricht, Welt und Selbst erhellt. Moment der Bewusstwerdung, in dem ein Geschöpf zu sich findet, seiner Existenz gewahr wird – das Urereignis der Seinsbewusstheit, das sich lebenslang wiederholt. Blitzartiges Leuchten, das bewusst und selbstgewiss sein lässt: Ich. Bin. Da.

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Dasein: Ein Seinsblitz, der sich seit Jahrtausenden ereignet und Leben elektrisiert, so dass existenzielles Selbstbewusstsein ist. Ein Seinsblitz, der in den Geburtlichen fährt, sein Dasein erhellt, ihm eine Seinslandschaft, Lichtung offenbart. Mit diesem Moment ist gelichtetes Bewusst-Sein, sich wandelnde Bewusstheit, die Mensch sein lässt: welt- und selbstbewusstes, reflektierendes Sprachgeschöpf mit Seinsverständnis, das transzendieren, über seine Grenzen hinauswachsen vermag.

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Dieser Blitz, der auf die Lichtung des Seins stellt, ist derart intensiv, überwältigend und mysteriös, dass der Getroffene innehält und in lebenslanger Paralyse nach der inneren Bedeutung von alledem sucht, nach Verstehen von Welt und Selbst. Indem der Getroffene im Verstehen eigenständig zu stehen sucht, stellt er sich dem Weltlauf gegenüber und kommt so zur eigenen Welt.

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Wie von selbst hebt der getroffene, selbstbewusste Mensch den metaphorischen Finger und deutet auf die wahrgenommene Welt, die sich ihm auftut. Zeigt auf das, was ist. Ein Zeigen, das ein Gewahrsein und als solches lautloses Nennen ist. Genau hierin liegt der lautlose Ursprung der Sprache, der Ursprung lautloser Sprache, die fortan nach Verlautbarung sucht, sprachdenkend, damit aus dem lautlosen Nennen artikuliertes Benennen wird – vernehmbare Sprache, die nach immer differenzierteren Möglichkeiten ihrer Artikulation strebt, wodurch Seiendes in seiner Vielfalt erfasst, Sein in seiner Vielschichtigkeit immer besser verstanden werden kann.

Erst im Erkennen als lautlos-erfassendem Nennen, dem Grund aller Sprache, wird das Seiende in seinem Sein offenbar. Erst in der sprachlichen Artikulation offenbart sich vollends das Sein des Seienden, findet das Erkennen als Verstehen seine sprachdenkende Form, die stets vorläufig bleibt, da Verstehen kein Prozess ist, der zu Ende käme, sondern unentwegt durch Erleben, Erfahrung, Reflexion modifiziert wird, sich vertieft, erweitert.

Aber dem erkennenden, lautlos-nennenden, schließlich artikuliert-benennenden, also verstehenden, Menschen offenbart sich, seiner Sprachlichkeit gemäß, nicht nur die Welt. Er nimmt auch den Finger wahr, der da zeigt, und realisiert, dass dieser Finger zu ihm gehört, dass er selbst dieser Finger ist, jene Kraft, die zeigt, erkennt und nennt. Er realisiert sich als Selbst, als ein vieldimensionales Faszinosum – es gibt keine Weltparalyse ohne Selbstparalyse. Und damit ist klar: Im Erkennen als innewerdendem Nennen gründet der Ur-Akt des Wortes, das zwar noch keinen Laut hat, nicht hörbar ist, aber dennoch spricht: weil es dem Menschen die beiden Grundsilben des Seins gibt − Welt und Selbst. Es wortet das Sein, als Welt und Selbst. Ich bin da, ein Selbst, in einer Welt. Der Menschenmoment. Mit ihm keimt auch die Sprache.

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Im selben Maß, wie dem Menschen sein Dasein klar wird im Blitzlicht des nennend-erkennenden Ur-Aktes, realisiert er auch die sich wandelnden Lichtverhältnisse, das Blitzlichtzucken, die Gefahr nachlassender Seinshelligkeit, letztlich die Möglichkeit schwindender Lichtung. Im Moment seiner Geburtlichkeit also, da er sich der Welt und seiner selbst gewahr wird, realisiert er seine ureigenste Möglichkeit des Nichtseins, seine Sterblichkeit. Er wird von Angst ergriffen. Doch genau dadurch, dem Bewusstsein, sterblich zu sein, das sich schließlich auch in der defizienten Form der Verdrängung manifestieren kann, vollendet sich erst sein Geborenwerden als Mensch.

Das Geborenwerden des Menschen vollendet sich also mit und in der Angst, jenem leeren, weltlosen Raum, von dem auch alle Freiheit ausgeht – jene Freiheit zu leben, aus dem ureigenen, unerschöpflichen Seinkönnen heraus, wie auch der Freiheit jederzeit sterben, von der permanenten Möglichkeit des Nichtseinkönnens ergriffen werden zu können. In diesem geburtlich-sterblichen Moment jedenfalls, da der Mensch sich selbst todesbewusst in weltlos-leerer Welt erkennt, ist der Mensch vollständig zu sich, zur Welt gekommen.

In der Angst erst gelangt der Menschenmoment zu stärkster Intensität, zu größter Wucht. Die Ahnung eigenen Seinkönnens, also eigener Freiheit, wie auch die Ahnung eigener Sterblichkeit durchwellt die ganze Existenz, wird als unabwendbares, (bewusstseins)raumgreifendes Vergegenwärtigen erfahren, welches innerlich taumeln lässt, zurück in die grundlegende Haltlosigkeit: Ich bin da, geburtlich, sterblich, frei und ungeborgen, in einer Welt.

Jetzt erst, in diesen Augenblicken existenzieller Seinserfahrung, in der sich der Mensch seiner Geburtlichkeit und Sterblichkeit vollumfänglich gewahr wird, jetzt erst gewinnt Menschsein seine ureigene Tiefe, erreicht dieses individuelle Leuchten in der Seinsnacht jene Seinsregionen, in denen es gründet, aus denen es entspringt, ohne sie erkennen oder begreifen zu können.

Aber diese Augenblicke existenzieller Seinserfahrung sind es auch, die den Menschen derart erschüttern, dass er sich unablässig Welten baut, in die er sich einspinnt, um Sicherheit zu finden, die drängende Unfassbarkeit eigenen Daseins zu vergessen, seiner existenziellen Angst zu entkommen. Eine dieser menschengeschaffenen Welten, die die Last des Daseins erleichtern sollen, ist die Religion – eine fiktive Welt, in die die erschütterte Seele einzieht, um Halt zu finden. Der Gottesglaube ist nichts anderes als eine Weise, mit den Folgen des Menschenmoments umzugehen.

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Im Menschenmoment steckt alles, was den Menschen als Dasein beschäftigt: die Welt, das eigene Selbst sowie der Umstand, dass ihm, dem gleichermaßen gelichteten wie lichtendem Bewusstsein, all dies gegeben ist, so dass er sich der Welt und seiner selbst in dieser Welt inne, gewahr werden kann, so dass er sich und Welt erkennen, in aller Vielfalt benennen kann, als verstandene Welt, als erkanntes Selbst, gemäß seinem sprachlich-intellektuellem, aber auch emotional-intuitivem Vermögen.

Denn nur in Empfindung, Ahnung, Intuition, in denen das menschliche Sein wurzelt, vermag sich die Vielfalt der Seinsdimensionen zu offenbaren, die auch das Numinose birgt. Denn nur Empfindung, Ahnung, Intuition dringen in jene Seinsbereiche vor, die der Ratio, welche ja nur Teil menschlicher Bewusstseinstätigkeit ist, verschlossen bleiben. Mit dem Verstand allein ist man für die Tiefe des Seins unzureichend gerüstet, da auch aus arationalen Seinsräumen existenzielle Wahrheit auf einen zukommt. Wahrheit, die sich meist als Empfindung, Ahnung, Intuition zeigt. Wahrheit, die zwar zu Sprache wachsen kann, sich dort aber meist in jener Region selbstsicher aufhält, die Tiefenassoziationen zulässt, für diese durchlässig ist: die poetische Sprache. Gleichviel: Für vertieftes Seinsverständnis bedarf es immer auch emotional-intuitiver Sinne.

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Mit dem Menschenmoment ist Sein. Er setzt den Anfang, jeden Anfang. Daher: Wer, als angefangener Mensch, sich neu anfangen möchte, braucht den Menschenmoment, die Grundbewusstheit des Seins. Dadurch erst stellt sich die Chance ein auf einen grundlegenden Neuentwurf: auf einen Sprung in ein anderes Verstehen von Welt und Selbst, in eine andere Sichtweise auf das Sein, in eine andere Seinsweise. Denn der Menschenmoment, der Welt und Selbst gibt, versetzt in die Angst, also in das Ungebundene, in den freien, in den leeren Raum − genauer: Er lässt bewusst werden, immer schon im leeren Raum zu sein −, um von dort aus erneut Welt und Selbst zu geben, die Gelegenheit eines anderen Angefangenseins. Anders anfangen: anders sehen, anderes sehen – dadurch erst ist anderes Sein möglich. Anders anfangen: im Wirklichen das Mögliche erkennen, im Möglichen das Wirkliche erfassen, sich entscheiden, sich übernehmen, Sein gestalten, Existenz ergreifen, ein Eigenes werden, ein Selbst. Ich. Bin. Da. Und in diesem Dasein, in diesem Eigensein das Du realisieren, echte Begegnung, Berührung, gemeinsames Wundern, gemeinsames In-die-Welt-in-das-Nichts-Blicken.

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Der Menschenmoment ist Dauerereignis, lebenslanger Blitz, der den Menschen energetisiert, auflädt mit Bewusstsein und Bewusstheit, vom Erwachenden bis zum Erwachten, und auf diese Weise Helligkeit stiftet, Seinslandschaften sichtbar werden lässt, Seinshorizonte aufreißt. Ein Grundereignis, das jene Paralyse von Welt und Selbst erzeugt, durch die die Aufmerksamkeit abgelenkt wird vom blitzhaften Urereignis, hin zur Welt und Selbst, die sich im Blitzlicht zeigen. Wer dieser Paralyse zeitweise zu entkommen vermag, wird anderweitig ergriffen werden, nämlich vom Grundereignis, dem Menschenmoment. Er wird zutiefst verwundert sein. Darüber: zu sein. Da zu sein, in einer Welt. Sein Empfinden gründet im Urgrund seiner selbst.

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Der Mensch, ein Licht im Dunkeln der Seinsnacht, realisiert im Menschenmoment seine Existenz, auf jene umfassende Weise, die ihm gerade möglich ist. Es ist jener Moment, in dem er sich seiner selbst gewahr wird. Ab diesem Moment ist der Mensch, durch diesen Moment ist der Mensch, in diesem Moment ist der Mensch. Ein Leben lang kommt der Mensch im und durch den Menschenmoment zu sich, welcher sich stets aufs Neue einzustellen vermag, um Bewusstsein und Bewusstheit zu schaffen, vom Dasein, den Seinsverhältnissen, dem eigenen Geworfensein, dem eigenen Entwerfen, von seinem Sein in selbstgeschaffener Weltlichkeit, die in den leeren Raum gebaut ist. Und, je mehr er sich zu öffnen vermag für diesen Menschenmoment, der ihn angeht, je mehr es ihm gelingt, sich von der Welt- und Selbstparalyse zu lösen, in wache Distanz zu gehen, umso intensiver erfährt er, umso umgreifender realisiert er sein Dasein, das Mysterium allen Seins.

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Im Menschenmoment liegt der Nucleus des Menschseins, jene schöpferische Energie, die den Menschen schafft. Immer wieder aufs Neue wird der werdende Mensch vom Seinsblitz elektrisiert, vollzieht den lichtenden Weg zum Menschsein: Das Neugeborene, heranwachsend, lässt die embryonale Unbewusstheit hinter sich, entwickelt phänomenales, sprachdenkendes Bewusstsein, erlebt und erfährt sich im anderen und gelangt so, mittelbar, zum reflektierten Bewusstsein seiner selbst in der Welt. Durch den Menschenmoment ist der Mensch als Dasein: auf einer Lichtung existierend. Der schöpferische Seinsblitz ist immerzu und wird einem offenbar, sofern man sich von der Selbst- und Weltparalyse vorübergehend zu lösen vermag. Im lebenslangen Menschenmoment wird dem Menschen unentwegt Welt und Selbst gegeben. Wer sich auf diesen Moment bewusst einlässt, erlebt existentielle Gewissheit: jederzeit geburtlich und sterblich zu sein.

Andreas Dalberg

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