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  • Andreas Dalberg

Freewriting

Eine der einfachsten Möglichkeiten, ins Schreiben zu kommen, ist das Freewriting. Es eignet sich für alle Schreibfelder – egal, ob man literarisch schreibt, wissenschaftlich, philosophisch oder therapeutisch. Beim Freewriting geht es, vereinfacht gesagt, darum, sich frei zu schreiben beziehungsweise innerlich absolut frei zu sein, frei zu werden beim Schreiben.


Konkret: Man schreibt alles auf, was einem gerade einfällt, egal, wie absurd es erscheinen mag – man bringt den Bewusstseinsstrom unzensiert zu Papier. Und, nächste Regel: Man schreibt so schnell, dass der innere Zensor nicht nachkommt, seine Kommentare zu alledem abzugeben, was einem da in den Sinn kommt. Sprich: Man hat gar nicht die Zeit zu bewerten, was einem gerade eingefallen ist, weil man die Gedanken, Ideen, innere Impulse, Bilder, Intuitionen sofort aufschreibt, möglichst im selben Moment, in dem sie bewusst werden.


Weil man darüber gar nicht erst nachdenken kann, hat man auch keine Möglichkeit, einen Einfall als unbrauchbar abzuwerten und vorschnell auszusortieren. Beim Freewriting ist also der innere Kritiker, der einem zuflüstern könnte, dieser Einfall, jener Gedanke sei wertlos, stummgeschaltet. Es gibt keine „Schere im Kopf“, die das Schreiben von vornherein inhaltlich filtert, strukturiert, gestaltet. Mit der Folge: dass man tatsächlich ins freie Schreiben kommt, man durch das Schreiben ins Freie kommt, und eben ungefiltert notiert, was sich einem im jeweiligen Augenblick zuspricht.


Auf diese Weise öffnet man die Tür zum eigenen Innenleben, zur eigenen Kreativität. Denn in den Gedanken, Ideen, Impulsen, die sch einstellen, drückt sich nicht mehr nur in erster Linie der Verstand aus; vielmehr bekommt das Unbewusste größeren Raum, so dass es sich offenbaren und in Form unerwarteter Impulse entbergen kann. Genau hierin liegt der Wert von Freewriting: Man kommt in einen Schreibfluss, bringt sich selbst unvoreingenommen zu Papier – das Schreiben wird also zum Medium, durch das sich das eigene Innenleben zeigt.


Freewriting ist sinnvoll, um sich „warmzuschreiben“, Schreibblockaden zu überwinden und in kurzer Zeit in einen Schreibfluss zu kommen; um kreativ zu sein und überraschende Gedanken aus dem Nichts zu schürfen, um Ideen zu finden und Themen aufzuspüren, die einen un- oder halbbewusst bewegen; um den Kopf freizubekommen, weil all das Scheinbar-Wichtige, das die Aufmerksamkeit beansprucht, im Papierspeicher abgelegt werden kann. Da Freewriting die Tür zum Unbewussten öffnet und somit auch zum Emotionalen, das tiefer liegt, kann man sich ebenso von Gefühlen entlasten, die einen beschweren.

… all dies, indem man lediglich zu Papier bringt, was sich einem im Augenblick zuspricht…


Nach dem Freewriting sollte man seinen Text durchlesen, am besten mit etwas zeitlichem Abstand, und daraufhin prüfen, ob er besondere Gedanken, ungewöhnliche Ideen, auffällige Themen beinhaltet; sollte man markieren, was man interessant findet, was einem ins Auge springt, was einen irritiert oder überrascht. Das sind wertvolle Stellen, die man auch exzerpieren, für andere Texte verwenden kann, all dies sind Fundsachen, mit denen man gern weiterarbeiten darf. So kann man beispielsweise über ein Thema schreiben, das sich beim Freewriting aufgetan hat. Als naheliegende Methode bietet sich auch hier das Freewriting selbst an, aber nicht das offene Freewriting, bei dem man einfach darauf losschreibt, sondern das fokussierte Freewriting, bei dem man alles aufschreibt, was einem zu einem bestimmten Thema einfällt.


Wer die Qualitäten des Freewritings erfahren möchte, sollte diese Methode eine Zeitlang täglich praktizieren und sich darin üben, die innere Quelle zum Fließen zu bringen, so dass sich auf dem Papier zeigen kann, was in einem ist. Oft entdeckt man in den Texten, die nach und nach immer spontaner und leichthändiger entstehen, kleine Schätze, manchmal auch größere.


Die Wurzeln des Freewritings? Ken Macrorie, Autor und Professor, prägte den Begriff in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Professorenkollege Peter Elbow griff die Methode auf und machte sie bekannt. Er setzte sie insbesondere ein, damit Studenten Schreibblockaden überwinden (mehr darüber in Elbows Buch Writing without teachers).

Das Freewriting ist übrigens unter verschiedenen Bezeichnungen bekannt. Manchmal wird es als Assoziatives Schreiben oder Bewusstseinsstrom bezeichnet, gelegentlich auch mit dem Automatischen Schreiben gleichgesetzt, wobei es, genau genommen, mit Letzterem nicht identisch ist.



Freewriting in Stichpunkten

  • Intention: Beim Schreiben frei sein, innerlich völlig frei schreiben – schreibend ins Freie kommen.

  • Wie: Alles aufschreiben, was einem einfällt, egal, wie absurd es erscheinen mag; schnell schreiben, um den inneren Zensor auszuschalten; nicht bewerten, was man schreibt – einfach schreiben.

  • Ziel: Die Einfälle (Gedanken, Ideen, innere Impulse, Bilder, Intuitionen), ohne darüber nachzudenken, im selben Moment, in dem sie ins Bewusstsein treten, zu Papier bringen.

  • Folge: Der innere Zensor schweigt – weil er gar nicht die Zeit hat, darüber nachzudenken, was einem da eingefallen ist. Auf diese Weise gibt es keine „Schere im Kopf“, die dazu führen würde, dass das Schreiben unterbrochen wird. Es gibt keinen inneren Kritiker, der einem zuflüstert, dieser oder jene Gedanke sei wertlos. Und: Man kommt ins Schreiben und bringt ungefiltert zu Papier, was sich (aus dem Unbewussten) einem zuspricht. Man lässt das Unbewusste sprechen.


Wann ist Freewriting sinnvoll?

  • Um sich warmzuschreiben, in den Schreibfluss zu kommen

  • Um das Unbewusste sprechen zu lassen (Wie steht es gerade um mich? Was ist in mir? Was bewegt mich?)

  • Um Schreibblockaden zu überwinden

  • Um kreativ zu sein; Ideen zu finden; Themen aufzutun; sich überraschen zu lassen.

  • Um belastende Gefühle zu bewältigen; um den gedankenvollen Kopf zu „leeren“ und zu entlasten (weil das, was einen beschwert, aufschreibt)

  • Um ein Thema zu erkunden (fokussiertes Freewriting)


Anleitung offenes Freewriting

  • Vorab die Dauer festlegen (5–20 Minuten).

  • Einfach losschreiben: alles aufschreiben, was einem in den Sinn kommt.

  • Vollständige Sätze schreiben (beim Automatischen Schreiben ist es anders, hier kann man auch Satzfragmente, einzelne Wörter et cetera aufschreiben.)

  • Sprichwörtlich ohne Punkt und Komma schreiben: weder auf Interpunktion noch auf Orthografie achten; es spielt keine Rolle, ob etwas „richtig“ oder „falsch“ geschrieben ist.

  • Es ist auch gleichgültig, ob der Inhalt plausibel, interessant oder nachvollziehbar ist. Ja, man hört selbst dann nicht auf zu schreiben, wenn die Gedanken, die einem einfallen, sinn- und zusammenhanglos erscheinen. Man bringt alles gleichermaßen zu Papier, als wäre es unendlich wichtig, unendlich wertvoll, was einem da in den Stift fließt.

  • Man hält zu keiner Sekunde inne beim Schreiben, macht keine Pause, liest sich das Geschriebene während der Schreibdauer nicht durch, streicht nichts, sondern man schreibt immerzu weiter – bis die Zeit abgelaufen ist.

  • Sollte man tatsächlich einmal ins Stocken kommen, so schreibt man das kurzerhand auf: „Gerade jetzt weiß ich nicht mehr weiter, fällt mir nichts Neues mehr ein, aber ich höre nicht auf zu schreiben, warte einfach ab, bis sich neue Gedanken einstellen, das passiert ja von selbst…“ Die Schreibhand hat also immer zu tun, sie hält nie inne.

  • Man darf natürlich jeden Tonfall anschlagen, der einem angemessen erscheint. Aber die Grundregel lautet: So nah wie möglich bei sich selbst sein. Die eigenen Gedanken, Gefühle, inneren Impulse möglichst in einer Sprache bringen, die dem eigenen Inneren gerecht wird. Es geht darum, dass man in einem Tonfall schreibt, der der eigene ist, dass man die eigene Stimme findet, authentisch schreibt. Sollte einem dies schwerfallen, kann man sich während der Übung vorstellen, dass man einem guten Freund schreibt.


Anleitung fokussiertes, themenorientiertes Freewriting

  • Man legt zunächst fest, worüber man schreiben möchte (das Thema als Überschrift verwenden).

  • Dann schreibt man los, wie beim offenen Freewriting: schnell, ohne innezuhalten, ohne zu korrigieren. Allerdings bringt man zu Papier, was einem zum gewählten Thema einfällt. Und: Sollte man beim Schreiben davon einmal abkommen, kehrt man sogleich wieder zum Thema zurück.


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