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  • Andreas Dalberg

Automatisches Schreiben

Automatisches Schreiben und Freewriting werden oft gleichgesetzt, da sie einander ähneln. Doch es gibt kleine Unterschiede. Das automatische Schreiben hat einen anderen Hintergrund als Freewriting. Während die US-Professoren Ken Macrorie und Peter Elbow Freewriting in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelten, um Studenten zu helfen, ihre Schreibblockaden zu überwinden und in einen Schreibfluss zu geraten, hat das automatische Schreiben viel ältere Wurzeln und zielt darauf, in eine Art Schreibmeditation, ja Schreibtrance zu kommen, in der sich das Tor zum Unbewussten weit öffnet. Eben deshalb wird auch empfohlen, direkt nach dem Aufwachen automatisch zu schreiben, wenn man noch im Halbschlaf ist, seelisch offen. Genau hier liegt der zentrale Unterschied zwischen Freewriting und automatischem Schreiben: Freewriting kann man jederzeit und in jedem Bewusstseinszustand praktizieren; das automatische Schreiben hingegen ist eng verbunden mit meditativen Bewusstseinszuständen, bei denen das Tor zum Unbewussten weit geöffnet ist.


Wie beim Freewriting dominiert beim automatischen Schreiben das Prinzip der freien Assoziation – man schreibt auf, was einem gerade einfällt, egal, wie absurd es erscheinen mag. Auch hier geht es darum, den inneren Kritiker erst gar nicht zu Wort kommen zu lassen, so dass wirklich alles, was ins Bewusstsein kommt, den Weg auf das Papier findet. Ein weiterer, indes kleiner Unterschied: Beim Freewriting kann es ein Thema geben, über das man schreibt. Oder auch die Vorgabe geben, dass man ganze, sinnhafte Sätze schreibt. Derlei gibt es beim automatischen Schreiben nicht; es ist themenoffen und lässt auch Sätze zu, die sinnfrei sind, ebenso Satzfragmente, einzelne Begriffe oder Phantasiewörter. Ziel des automatischen Schreibens: Das Unbewusste des Schreibenden soll sich auf dem Blatt widerspiegeln, sicht- und lesbar werden.


Doch betont werden soll an dieser Stelle auch: Letztlich sind die Grenzen zwischen Freewriting und automatischem Schreiben fließend; was die Praxis betrifft, ist es sogar so, dass beides oft als identisch betrachtet wird. Kurzum: In dieser Frage ist es sinnvoll, ideologiefrei zu bleiben und sich nicht in Abgrenzungsfragen zu verlieren. Unstrittig ist jedoch, dass beide Schreibmethoden einen unterschiedlichen geschichtlich-kulturellen Hintergrund haben.


Einer der ersten, der mit der Technik des automatischen Schreibens beruflich arbeitete, war Pierre Janet, ein französischer Psychiater und Psychotherapeut. Ende des 19. Jahrhunderts versetzte er Patienten in einen tranceähnlichen Zustand und ließ sie aufschreiben, was ihnen in den Sinn kam. Auf diese Weise wollte er bei den Patienten die Zensurschranke des Verstandes, Abwehrmechanismen der Psyche überwinden, so dass sie ungefiltert aufschrieben, was in ihrem Inneren war – und er sie in ihrem Leiden besser verstehen konnte.


Das automatische Schreiben wurde also in einem therapeutischen Kontext eingesetzt, um Patienten zu helfen. Es gab aber auch Autoren, die diese Form des Schreibens als Selbsthilfe beziehungsweise Selbsttherapie nutzten. Daniel Paul Schreber etwa. Der Jurist war in psychiatrischer Behandlung und setzte sich mit seiner Erkrankung auseinander, indem er automatisch schrieb. Sein Schreiben erlebte er als Therapie. Schrebers Niederschriften mündeten 1903 in die Publikation des Buches „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“.


Aber auch Künstler entdeckten das automatische Schreiben für sich. Am bekanntesten: Die Surrealisten in den 1920er Jahren rund um den französischen Dichter André Breton. Breton bezeichnete die écriture automatique als „Denkdiktat ohne jede Kontrolle der Vernunft“. Es entstanden Werke wie Les Champs magnétique (Die magnetischen Felder), die natürlich keinen vorab entworfenen Aufbau hatten und auch nicht im Nachhinein lektoriert wurden, zumindest nicht im herkömmlichen Sinn. Es ging bei dieser Art des Schreibens vielmehr darum, die ursprüngliche Kreativität des Menschen zu erschließen, das Unbewusste mit all seinen irrationalen Impulsen und überraschenden Intuitionen – Schreiben als Entdeckungsreise, die experimentelle Textkunst hervorbringt.


Hier Bretons Anleitung zum automatischen Schreiben, frei übersetzt: „„Besorgen Sie sich etwas zum Schreiben, setzen Sie sich an einen Platz, wo Sie möglichst ungestört in sich selbst versinken können. Seien Sie passiv und so hinnehmend und aufnahmebereit, wie nur möglich! Lassen Sie sich nicht beirren von Gedanken an Genialität oder Talent. (…) Schreiben Sie rasch auf, was Ihnen einfällt, ohne sich auf ein bestimmtes Thema zu fokussieren. So schnell, dass Sie erst gar nicht versucht sind, über das Geschriebene nachzudenken oder es noch einmal durchzulesen. Der erste Satz wird von selbst kommen. (…) Schreiben Sie immerzu weiter. (…) Vertrauen Sie darauf, dass das Wispern, Raunen und Murmeln in Ihnen unerschöpflich ist. Sollte es doch einmal verstummen, weil Sie beispielsweise gedanklich an einer Formulierung hängenbleiben oder Ihnen ein geschriebenes Wort befremdlich vorkommt, dann schreiben Sie einfach irgendeinen Buchstaben, zum Beispiel L, immer wieder den Buchstaben L, und machen diesen Buchstaben zum Anfangsbuchstaben des nächsten Wortes, wodurch der willkürliche Schreibfluss wiederhergestellt wird.“


Auf die Methode des automatischen Schreibens sind natürlich auch schon andere gekommen, lange vor den Surrealisten, auch lange vor Pierre Janet. Goethe etwa sprach vom „nachtwandlerischen Dichten“, was nichts anderes ist, als in meditativem Zustand zu schreiben und auf Papier fließen zu lassen, was einem vom Unbewussten geschenkt wird. Mag der Verstand auch anschließend mit kritischem Blick über das Geschriebene gehen und dies oder jenes verwerfen, so lassen sich doch stets kostbare Einfälle, Ideen, Formulierungen finden, auf die man andernfalls womöglich gar nicht erst gekommen wäre.


Auch ein Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ließ sich vom automatischen Schreiben inspirieren: Jack Kerouac. Der Beat-Poet verband sein Schreiben mit Zen-Meditation. Sprich: Er meditierte und nutzte die innere Sensibilität, die sich durch den Versenkungszustand einstellt, für das Schreiben.



Automatisches Schreiben in Stichpunkten

  • Das automatische Schreiben ist eine sehr alte Schreibmethode, die von Dichtern (Goethe) oder Therapeuten (Pierre Janet) eingesetzt wurde, um das Unbewusste auf schöpferische Weise sprechen zu lassen. Im 20. Jahrhundert machten die Surrealisten daraus eine Kunstform.

  • Intention: Schreibend das Unbewusste zu Wort kommen lassen, kreativ und schöpferisch sein; in den Genuss der seelisch-heilsamen Qualitäten des Schreibflusses kommen.

  • Wie: Sich in einen meditativen, tranceartigen, halbschlafähnlichen Zustand versetzen und aufschreiben, was einem einfällt, egal, wie absurd es erscheinen mag.

  • Ziel: Die Gedanken, Ideen, innere Impulse, Bilder, Intuitionen im selben Moment, in dem sie ins Bewusstsein treten, zu Papier bringen, ohne nachzudenken. Dem Unbewussten den größtmöglichen Raum geben, die innere Schöpferkraft walten lassen, ohne ihr auch nur die geringsten Zügel anzulegen.


Wann ist automatisches Schreiben sinnvoll?

  • Wie Freewriting bietet sich automatisches Schreiben an, wenn man Schreibblockaden überwinden, kreativ und schöpferisch sein möchte, wenn man Ideen und Themen finden und sich überraschen lassen möchte; wenn man Unbewusste möglichst offen sprechen lassen will.

  • Automatisches Schreiben kann der Selbsterforschung dienen, kann entlasten und seelische Heilungsprozesse initiieren. Prosaisch gesagt: Man hat die Chance auf Selbsterkenntnis – und darauf, dass man sich nach dem Schreiben besser fühlt.

  • Automatisches Schreiben kann als Kunstform betrieben werden, als Vorstufe literarischen Schreibens, um Stoff zu sammeln oder erste Textentwürfe zu Papier zu bringen. Aber auch, um das Geschriebene per se als Kunst zu betrachten, wie es einst die Surrealisten taten.


Anleitung Automatisches Schreiben

  • Sich in einen meditativen Zustand versetzen, etwa durch Meditation oder das Schreiben selbst: indem man so lange schreibt, bis man in einem intensiven Schreibflow ist. Alternativ: sich in einem innerlich gelösten Zustand, in dem man ganz bei sich selbst ist, zum Schreiben hinsetzen.

  • Alles aufschreiben, was in den Sinn kommt. Vollständige Sätze, Satzfragmente, einzelne Wörter, Phantasiewörter… Weder auf Interpunktion noch Orthografie achten.

  • Schnell schreiben, um den inneren Zensor nicht zu Wort kommen zu lassen; nicht bewerten, was man schreibt – einfach schreiben, was sich im jeweiligen Augenblick zuspricht.

  • Beim Schreiben nicht innehalten, keine Pause machen; nichts durchlesen, streichen, korrigieren; einfach weiterschreiben, bis innere Entspannung eintritt, einem die eigene Intuition sagt, es sei genug.

  • Sollte man ins Stocken geraten, schreibt irgendeinen Buchstaben, immer wieder, bis einem ein Wort mit diesem Anfangsbuchstaben einfällt. Dieses Wort ist Anfangswort für den nächsten Satz…

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